Die Kommunikations-Crashs 2010

2010 war ein Jahr, das viel Gesprächsstoff geboten hat – vor allem für mich als Crash-Kommunikationsexperten. Es gab eine Menge verbaler Entgleisungen, die viel über die Menschen verraten, die sich im Nachhinein im entscheidenden Moment wohl lieber auf die Zunge gebissen hätten. Entweder redeten sie aneinander vorbei, zu viel, zu wenig oder einfach nur „dummes Zeug“. Hier sind meine persönlichen „Kommunikations-Crashs des Jahres 2010“:

Platz 3: Wikileaks

Angela Merkel wird von den amerikanischen Politikern nur “Teflon” genannt, weil so wenig an ihr haften bleibt, Wolfgang Schäuble ist ein „zorniger, alter Mann” und Günter Öttinger nicht nur ein „schlechter Redner“, sondern auch noch eine „lahme Ente“. Dank Wikileaks weiß jetzt die ganze Welt, was die amerikanischen Politiker über Angela Merkel & Co. denken. Der Enthüllungs-Skandal zeigt, wie gefährlich (und auch peinlich) es werden kann, wenn vielen Menschen zu viel brisantes Material kommuniziert wird. Amerika gewährte mehreren Hunderttausend Staatsbediensteten den Einblick in hochsensible Depeschen und wundert sich, dass sie irgendjemand veröffentlicht. Und Wikileaks? Ist für viele über das Ziel hinaus geschossen. Denn mit ihren unbegrenzten Racheakten sind sie gerade dabei, ihren Robin Hood-Bonus zu verspielen. Und dann ist da ja noch der Soldat Bradley Manning, der die ganze Geschichte erst ins Rollen brachte, als er im Internet-Chat mit dem Hacker Adrian Lamo die hochbrisanten Informationen ausplauderte. Der junge Mann brüstete sich, welch außergewöhnliche Möglichkeiten er hat: „Was würdest du tun, wenn du unbegrenzten Zugang zu geheimen Netzwerken hättest?“ Heute ist er der verratene Verräter und wartet im Militärgefängnis auf seinen Prozess. Im Fall Wikileaks ist die Kommunikation also auf ganzer Linie „gecrasht“. Was mit harmlosen Lästereien unter Politikern angefangen hat, wurde letztlich zu einem weitreichenden und peinlichen Politikum.

Platz 2: Schäuble-Eklat
„Herr Offer, reden Sie nicht. Sorgen Sie dafür, dass die Zahlen jetzt verteilt werden.” Das hat gesessen. Die öffentliche Demütigung von Michael Offer, ehemaliger Sprecher des Bundesfinanzministers, hatte Wolfgang Schäuble Anfang November ziemlich negative Schlagzeilen eingebracht. Und Deutschland fragt sich heute: Hatten die Amerikaner vielleicht doch ein bisschen Recht, als sie Wolfgang Schäuble in ihren geheimen Depeschen als „zornigen, alten Mann“ bezeichneten? Kurz nach Schäubles verbalem Aussetzer auf der Pressekonferenz hat Offer die Konsequenzen gezogen und seinen Rücktritt erklärt. Verständlich. Klar, wir alle sind nur Menschen und sagen unüberlegte Dinge. Und vielleicht hatte Schäuble auch allen Grund, sauer zu sein. Dennoch sollte er als „Profi“ seine Emotionen im Griff haben. Niemand hat das Recht, einen anderen so bloß zu stellen. Ich denke, Schäuble kann froh sein, dass Offer „nur“ zurückgetreten ist. Ich persönlich hätte mit einem Exklusivinterview in der Bild gerechnet. Titel: „Die Wahrheit über Schäuble, den Tyrannen”.

Platz 1: Kaczynski-Crash
„Der Präsident hat noch nicht entschieden, was zu tun ist“ – 16 Minuten nach diesem Satz des Piloten stürzt die Maschine von Polens damaligem Präsident Kaczynski mit 96 Menschen an Bord in der Nähe des russischen Smolensk ab. Der Präsident, seine Frau, alle Passagiere und die gesamte Crew sterben. Was bleibt, ist die Frage: Wer flog das Flugzeug eigentlich? Wieso hat nicht der Pilot entschieden, was zu tun ist? Gleich nach dem Überfliegen der Grenze zwischen Weißrussland und Russland hatte der Flugleiter geraten, wegen des dichten Nebels auf einen anderen Flughafen auszuweichen. Anfangs habe der Pilot gesagt, er werde einen Versuch unternehmen. Sollte dieser fehlschlagen, werde er der Empfehlung folgen. Später habe die Besatzung ein Ausweichen jedoch abgelehnt und sämtliche Warnsignale missachtet. Berichten zufolge versuchte die Maschine, viermal zu landen. Trotz wiederholter Aufforderung habe die Crew keine Informationen über ihre Flughöhe mehr übermittelt. Was hat sich in der Zwischenzeit an Bord der Tupolew ereignet? Es ist wahrscheinlich, dass Präsident Lech Kaczynski seinem Pilot befahl, trotz des Nebels auf dem Flughafen Smolensk zu landen. Wie mehrere Internetblogs berichten, soll Kaczynski den Piloten angeherrscht haben: „Der polnische Präsident kann landen, wo immer er will!“ Kaczynski stand unter einem enormen Zeitdruck. Er war sowieso bereits zu spät und eine Weiterfahrt mit dem Auto von einem Ausweichflughafen aus hätte noch viel länger gedauert. Der Pilot hatte so gesehen keine Wahl, zumal sein Vorgänger nach einer ähnlichen Situation wegen Befehlsverweigerung angeklagt wurde. Wie so oft scheint also nicht das schlechte Wetter, sondern „menschliches Versagen auf ganzer Linie“ Ursache für den Crash gewesen zu sein. Der Absturz der Präsidentenmaschine zeigt die schrecklichen Folgen gescheiterter Kommunikation und ist ein besonders trauriges Beispiel für Crash-Kommunikation im Jahre 2010.

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